Bild zum Wochenende (7): Realität

Bei Facebook soll mal einer durchblicken. So viele Informationen, dass man gar nicht mehr hinterherkommt. Zum Glück gibt’s schlaue Algorithmen, die je nach Präferenz Inhalte filtern und so jedem Nutzer das anzeigen, was er – aus ihrer Sicht: vermutlich – gerne sieht. So wundert man sich als Seitenbetreiber dann auch öfter mal, wo denn die ganzen likes und Kommentare bleiben, die im Vergleich zur offiziellen follower-Anzahl der Seite teilweise ganz schön abfallen. Als Beweis für irgendeine Art von Qualität darf man die ganzen pseudoobjektiven Zahlen bei Facebook nicht sehen, aber immerhin freut es einen, wenn irgendeine Art von Interaktion mit den Seiteninhalten stattfindet. Was geklickt wird, wird überhaupt erstmal angeguckt.

So stechen dann Bilder heraus, die eine hohe like-Anzahl aufweisen. In den meisten Fällen ist dann darauf irgendwas Spektakuläres zu sehen, ein Tackle, ein Passfang, ein Torschuss. Viel öfter aber wurde einfach eine abgebildete Person markiert. Deren Freunde sehen das in ihrem eigenen Stream und klicken auf gefällt mir, auch wenn das Bild qualitativ gar nicht hervorsticht.

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Dann gibt es aber Bilder, bei denen ich mir die hohe Interaktion zunächst nicht erklären kann. Ein solches war ein Bild vom Adler-Monarchs-Spiel vom letzten Wochenende, auf dem zwei Monarchsspieler zu sehen sind, wie sie einen Touchdown per Wir-dotzen-mit-den-Hüften-gegeneinander-Sprung (wer das Fachwort kennt, darf es mir gerne kundtun) feiern. Das wurde bisher von 16 Personen geliked, was sicher nicht an der Qualität liegen kann. Solche Feiereien ergeben zwar immer nette Motive, weshalb ich sie gerne festhalte. Technisch ist das Bild aber nicht gut, weil die Füße teilweise abgeschnitten sind und man kein Gesicht vollständig sieht. Man hätte das Bild hochkant beschneiden können, damit die beiden Spieler mehr Raum einnehmen. Der leere Raum links und rechts wäre abgeschnitten worden, damit allerdings auch der rechte Schiedsrichter, der das Touchdown-Zeichen gibt, was dem ganzen Kontext verleiht. Touchdown + Hüfte an Hüfte = Punkte für das Team. Alles klar.

Allerdings ist merkwürdig, dass von den 16 Personen, die gefällt mir geklickt haben, auffällig viele offenbar einen Bezug zum Schiedsrichterdasein haben. Und da die Liker auch nicht alle aus Dresden kamen wurde schnell klar, dass nicht die beiden Spieler die Hauptattraktion auf dem Bild sind, sondern die Schiedsrichterin links. Es sieht so aus, als ob sich ihre Hand und die des vorderen Spielers fast berühren würden. Das war mir bis dahin gar nicht groß aufgefallen, hat aber zu diesen beiden amüsanten Kommentaren geführt:

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Die Assoziation war für mich zunächst umso unverständlicher, als dass ich noch wusste, was da gerade passiert: Sie hat den Ball einfach zu einem Kollegen geworfen und stand dabei ein gutes Stück hinter den beiden Spielern.

Es zeigt sich hier aber sehr ansehlich, was viele armchair QBs nicht verstehen wollen: Ein Foto kann in den seltensten Fällen als Beweis für irgendeine Aktion auf dem Spielfeld hergenommen werden. Die Frage, ob ein Foto generell die Realität abbilden kann, driftet schnell ins Philosophische ab. Aber auch auf physischer Ebene gibt es viele Parameter, die es äußerst schwierig machen, eine Situation anhand eines Fotos korrekt zu analysieren. Dafür gibt es bei der Sportfotografie zwei maßgebliche Punkte.

Damit man die schnellen Bewegungen auf dem Feld ohne Verwackler und Bewegungsunschärfe richtig einfangen kann, darf der Sensor nur ziemlich kurz belichtet werden. Idealerweise öffnet sich der Verschluss nicht länger als 1/800stel Sekunde, je nach Alters- und Spielklasse habe ich auch gerne 1/1000stel Sekunden und noch kürzer. Man hält also eine Situation für den Bruchteil einer Sekunde fest. Je nachdem, was darin passiert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man das Folgende erahnen kann. Ein Runningback, der allein auf weiter Flur ist, wird auch nach dieser 1/1000sel Sekunde wohl nicht gestoppt; eine Tacklesituation, die mitten im Gange ist, hört eine 1/1000tel Sekunde später wahrscheinlich nicht auf. Nur: Man kann den folgenden Ablauf eben nicht mit Bestimmtheit festlegen, nur weil man diesen Sekundenbruchteil sieht; so wahrscheinlich eine bestimmte Folge auch sein mag, absolute Sicherheit gibt es nicht.

Der andere Punkt ist die genutzte Brennweite und ihre Auswirkung auf den Bildeindruck. Je mehr Brennweite ein Objektiv hat, desto höher ist der Vergrößerungsfaktor und desto unschärfer wird der Hintergrund. Beim Feldsport wird man mit 150mm Brennweite so langsam glücklich. Ich renne mit 200mm durch die Gegend, Profis haben zumeist nochmal das Doppelte drauf. Mit der Brennweite verdichtet sich das Bild jedoch gleichzeitig, d.h. die verschiedenen Tiefenebenen (Objekt weiter vorne, Hintergrund weiter hinten) wirken, als lägen sie näher zusammen. Je größer die Brennweite, desto geringer ist zudem die Schärfeebene, d.h. desto schneller wird es vor und hinter dem Objekt wieder unscharf.
Das menschliche Gehirn „misst“ die Entfernung zwischen unterschiedlichen Objekten in einem Raum unter anderem anhand deren Schärfe. Wenn ein Objekt scharf ist, dann sind andere Objekte davon weiter entfernt, je unschärfer sie sind. Auch aus der Größe eines Objekts in Verbindung mit der Erfahrung, wie groß solch ein Objekt normalerweise ist, kann das Gehirn Informationen über die Entfernung ziehen.

So ist dann auch der lustige Eindruck im Bild zustande gekommen: Dadurch, dass die Spieler und die Schiedsrichterin relativ gleich scharf abgebildet sind (bei mehr Brennweite wäre sie deutlicher in der Unschärfe verschwunden), glaubt das Gehirn, dass sich alle zusammen gleich weit entfernt vom Betrachter befinden und sich die Hände deshalb berühren müssten.
Allein durch die Größe der Personen hätte der Eindruck, dass sie sich auf einer Entfernungsebene befinden, vernichtet werden können. Hier wird sich das Gehirn aber schwer tun, weil die beiden Spieler sichtbar springen und die Füße bei ihnen wenig, bei der Schiedsrichterin deutlich abgeschnitten sind. Dadurch und weil kein Schärfeverlauf auf dem Boden sichtbar ist, hat das Gehirn Schwierigkeiten, diese Relation richtig zu erfassen.

Auch wenn mir die Vorgänge bei Facebook manchmal höchst irreal erscheinen, so zeigt dieses Beispiel doch gut, dass man sehr vorsichtig sein sollte, wenn man ein vermeintliches „Beweisfoto“ vorbringt. Denn das hat mit der Realität meistens wenig zu tun.

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