Bild zum Wochenende (6): Die Schiedsrichter

Schiedsrichter verursachen Aggressionen. Zumindest temporär. Zumindest temporär bei Fotografen. Zumindest dann temporär bei Fotografen, wenn sie im Bild stehen. Oder ins Bild rennen. Oder den Autofokus durchs Stehen oder Rennen verwirren. Weil sie gestreifte Klamotten tragen. Den Kontrast darin mag der Autofokus nämlich.

Ein formvollendeter Linesman-Po. Mitten im Bild. Dahinter irgendwo: der Ballträger (nicht sichtbar). | 200mm / 1/3200 sec / f3.2 / ISO 160 / +0.33 EV (Klicken für größere Ansicht)

Ein formvollendeter Linesman-Po. Mitten im Bild. Dahinter irgendwo: der Ballträger (nicht sichtbar). | 200mm / 1/3200 sec/ f3.2 / ISO 160 / +0.33 EV (Klicken für größere Ansicht)

Solche Bilder wie das obere tauchen in den meisten Footballbildergalerien nicht auf, aber jeder Fotograf hat sie schonmal gemacht. Diese Bilder füllen ganze Windows-Mülleimer, denn sie kommen regelmäßig vor. Das liegt in der Natur der Sache, denn zwischen Motiv und Kamera ist der bevorzugte Lebensraum der Schiedsrichter. Vor allem die zwei bzw. vier Schiedsrichter links und rechts des Feldes buhlen dort um die Aufmerksamkeit des Fotografen, wenn sie bei Ballbewegung die Seitenlinie hoch- und runterrennen. Ich bin mir eigentlich fast ganz sicher, dass es bei ihnen interne Gewinnspiele und Ranglisten gibt, wer in die meisten Fotos reinrennt. Dann sitzt der Fotograf deprimiert da, nicht weil er malwieder aus eigener Schuld umgerannt wurde und sich deswegen schlecht fühlt, sondern weil der Passfang oder der Sprung des Runningbacks über den Gegner von einer Schiedsrichterhand, einem
-bein oder gleich dem ganzen Körper verdeckt wird.

Eine 7er- bzw. ohne Side- und Field Judge eine 5er-Crew. R = Referee, LJ = Line Judge, LM = Linesman, U = Umpire,  FJ = Field Judge,  SJ = Side Judge, B = Back Judge

Eine 7er- bzw. ohne Side- und Field Judge eine 5er-Crew. R = Referee, LJ = Line Judge, LM = Linesman, U = Umpire, FJ = Field Judge, SJ = Side Judge, B = Back Judge

Und es gibt wahrscheinlich ganz sicher bestimmt auch Bonuspunkte für die verschiedenen Positionen, um den internen Wettbewerb interessanter zu gestalten. Line Judge und Linesman stellen sich absichtlich so fies auf, dass man das Lineup an der Line of Scrimmage nur mit gewaltigen Verrenkungen schön einfangen kann. Field und Side Judge haben garantiert einen Heidenspaß dabei, genau den einen langen Passfang zu versauen, indem sie nach hinten sprinten und dann genau im richtigen falschen Moment vor dem Fotografen auftauchen. Dass dieser schon viel früher an der richtigen Stelle war, um die beste Sicht zu haben, wird kaltblütig ignoriert.
Der White Hat (Referee) beteiligt sich dankenswerter Weise nicht so oft an diesem makaberen Spiel, es sei denn man will die Defense aus der Endzone heraus von vorne fotografieren. Dafür wechseln sich auf der anderen Seite Back Judge und Umpire munter damit ab, genau an der Position zu stehen, die ihnen einen prominenten Platz in einem Frontalfoto von Quarterback oder Offense Line ermöglicht. Natürlich so, dass Quarterback oder Offense Line nicht mehr zu sehen sind.

Ich habe sogar eine Theorie, was bei dem Spiel als Gewinn ausgelobt wird. Notizbücher. Haufenweise Notizbücher. Denn Schiedsrichter müssen alles aufschreiben. Wann immer Punkte erzielt werden, wann immer ein Timeout genommen wird, wann immer ein Quarter endet, die Offiziellen schreiben es sich in ihre kleinen schwarzen Notizbücher. Und auch Fouls werden desöfteren festgehalten. Nachdem die Flagge geworfen wurde wird sich beraten, eine Entscheidung gefällt und mindestens ein Schiedsrichter schreibt das Ergebnis auf.

Und ab diesem Zeitpunkt beginnt nur zu oft der unschöne Teil des Spiels. Denn egal ob ein Foul gepfiffen oder auch nicht gepfiffen wird, die Schwarz-Weißen sind garantiert nicht die einzigen, die es kommentieren. Vielmehr dürfen sie sich Diskussionen mit Spielern und der halben Teamzone stellen oder Wutgeschrei von Coaches und Publikum ertragen. Abhängig davon, ob die Flagge gegen das eigene oder das gegnerische Team flog, kommt die Kritik von der einen oder anderen Seite. Dabei ist es dann zumeist auch egal, ob der Schiedsrichter 2 Meter neben dem Geschehen stand und der Kommentator sich dagegen auf der anderen Spielfeldseite befand. Dass es vom Ref nicht richtig gesehen wurde und unfair, Schiebung und sowieso eine inkompetente Fehlentscheidung (oder doch gleich Betrug) war, steht zu dem Zeitpunkt schon fest. Nur aus Richtung der Fotografen hören sie nichts. Dabei wären es doch gerade diese, die das Recht hätten zu meckern (siehe oben).

32°C  und Spaß an der Arbeit. Die Schiedsrichter soll einer mal verstehen. | 200mm / 1/3200 sec / f3.2 / ISO 200 / +0,33 EV (Klicken für größere Ansicht)

32°C und Spaß an der Arbeit. Die Schiedsrichter soll einer mal verstehen. | 200mm / 1/3200 sec / f3.2 / ISO 200 / +0,33 EV (Klicken für größere Ansicht)

Und trotz der Diskussionen, der Kleinlichkeiten, trotz der früher getragenen topmodischen weißen Hosen, trotz der teilweisen Undankbarkeit und der offen zur Schau gestellten Regelunkenntnis diverser Sportler stehen sie Wochenende für Wochenende wieder bei Hitze oder Dauerregen auf dem Platz, pfeifen und scheinen im Großen und Ganzen doch ihren Spaß dabei zu haben, wie man an diesem Bild zum Wochenende sieht.

Manchmal wundert man sich da schon, dass nicht die Schiedsrichter Aggressionen entwickeln.

[NACHTRAG 11.06.: diverse Rechtschreibfehler und Vertipper korrigiert; „Free Judge“ (= Field Judge) korrigiert]

6 Gedanken zu „Bild zum Wochenende (6): Die Schiedsrichter

  1. Also ich weiss nichts davon, dass es bei uns interne Listen und Preise gibt 🙂
    Ich werde mich aber weiterhin bemühen, im entscheidenden Moment, ins Bild zu flitzen 😉

  2. Endlich mal ins rechte Licht gerückt. So habe ich immerhin mal wieder ein paar alte Kollegen aus Berlin wiedergesehen, mit denen man früher zusammen gepfiffen hat. Und anscheinend haben alle immer noch Spaß dabei. Wenn Ihr mal nach Franken kommt, werde ich mich ebenfalls bemühen immer ins Bild zu laufen/springen/whatever. 🙂

    • Ja ich bitte darum. Was die Fotografenwelt unbedingt braucht sind noch viel mehr Streifenhörnchen, die sich an den Gemeinheiten beteiligen. 😀

  3. Ich plädiere ja seit Jahren für eine Linesman-Körpergröße von max. 165cm. 😉
    Schöne Idee und Geste, unsere monochromen Freunde mit einem eigenen Artikel zu würdigen!

    Gruß Horst

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