Bild zum Wochenende (8): Keine Bilder!

Was darf man fotografieren?
Zu dieser Frage gibt es so viele Meinungen wie Fehlschlüsse. Es werden rechtliche und ethische Fragen durcheinandergeworfen und Unwissen vor allem über ersteres verbreitet. Bei der Sportfotografie stellen sich diese Probleme zum Glück eher selten, denn einerseits ist rechtlich einigermaßen klar, dass das Zeigen von Fotos von Spielszenen, die in normalen, öffentlichen Ligaspielen geknipst wurden, gegen kein sonstwie geartetes Recht verstoßen dürfte. Andererseits habe ich es bisher auch noch nie erlebt, dass Sportler gegen das Zeigen solcher Fotos Einspruch erhoben haben. Gerade im Amateurbereich freuen sie sich eigentlich immer, wenn überhaupt Fotos von ihnen existieren, egal ob vom spektakulären Passfang, einem gelungenen Tackle oder dem Jubel nach einem Punktgewinn.
Es gibt aber auch bei der Sportfotografie vereinzelt Situationen, in denen man sich als Fotograf mit der Frage auseinanderzusetzen hat, wie man damit umgeht.

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Neben dem Zeigen von Verlierer-Emotionen – die es nunmal gibt, wenn auf der anderen Seite gerade Freude herrscht – sind das in erster Linie Verletzungen, die im Sport und gerade beim Football unvermeidlich sind. Vom obligatorischen blauen Fleck bis zu ernsthaften Verletzungen ist im Konaktsport alles dabei, woran sich ein Arzt austoben kann. Ich habe in beinahe 10 Jahren Sportfotografie schon Knochenbrüche und Gelenkverletzungen, Bänderdehnungen, -risse und verdrehte Extremitäten aller Art miterlebt und auch schon fotografiert. In der Regel „aus Versehen“, weil sie in einer Spielsituation in dem Moment passiert sind, in dem ich auf den Auslöser gedrückt habe. Und ich habe auch schon Bilder von am Boden liegenden Spielern gemacht, um die sich eine Traube aus Staff-Mitgliedern, Physiotherapeuten und RTW-Besatzung tummelte und Hilfe leistete. Bilder, wo der Infusionsbeutel angesteckt war und die Trage bereit stand.
Warum habe ich diese Bilder gemacht?
Und warum wird man in den über 13.000 auf dieser Seite gezeigten Bildern kaum eins davon sehen?
Durfte ich das?

RECHT
Das Recht am eigenen Bild gestattet jeder Person, grundsätzlich selbst darüber zu entscheiden, ob und wo Bilder, auf denen sie zu erkennen ist, gezeigt werden. Von diesem Recht gibt es Ausnahmen, beispielsweise für Prominente und Ereignisse der Zeitgeschichte, also Dinge, die von öffentlichem Interesse sind. Dazu könnte man durchaus auch ein Footballspiel in Deutschland zählen, auch wenn der Randsportartcharakter und der Mangel an medialer Aufmerksamkeit unbestreitbar sind.
Nur haben diese Ausnahmen ihrerseits wieder eine Schranke dann, wenn die gezeigte Person trotz der gegen sie wirkenden Ausnahme ein berechtiges Interesse daran hat, nicht gezeigt zu werden. Das kann aus arbeitstechnischen Gründen der Fall sein, etwa weil sie sich im Polizeidienst befindet und privat deshalb nicht gezeigt werden möchte. Bei einer verletzten Person kann das allgemeine Persönlichkeitsrecht entscheidend sein, welches sie in einer derartigen Situation vor dem Veröffentlichen der Fotos schützen kann. Der Sportler befindet sich in einer schutzlosen, normalerweise ihn nicht vorteilhaft zeigenden Lage, weshalb das Zeigen solcher Fotos ihr allgemeines Persönlichkeitsrecht verletzen könnte. Könnte deshalb, weil jeder Einzelfall anders ist und die Abwägung, ob das Recht nun tatsächlich verletzt ist, mit viel schlauer Argumentation ausgefochten werden muss und das generell nicht einfach ist. Das Veröffentlichen von Fotos, auf denen eine Person in Schmerz zu sehen ist, während sie gerade Hilfe erhält, kann also gerechtfertigt sein. Kann aber auch nicht.
Da aber das alleinige Vorbringen rein rechtlicher Argumente – Ich darf das, also mache ich das! – eher so mittelgut kommt, kommen noch zwei andere Faktoren bei der Überlegung ins Spiel.

ÄSTHETIK
Ich überlege mir durchaus genau (je nachdem, ob es die sich schnell ändernde Situation zulässt), ob und wie ich die Sportler möglichst positiv ablichten kann, sodass sich nicht nur die gezeigte Person und deren enge Verwandte an dem Foto erfreuen, sondern es auch für einen Unbeteiligten ein schönes und anguckenswertes Foto wird. Bei der allgegenwärtigen Jagd nach dem perfekten Catch und den vielen Kontaktsituationen während der Spielzüge, aber auch beim Jubelbildern, ist es einfacher, ein „schönes“ Foto zu zeigen. Da Sportler per Definition in Bewegung sind, bleiben komische Gesichtsausdrücke, geschlossene Augen oder merkwürdig anmutende Verrenkungen nicht aus. Bei sowas hat jeder seine eigene Vorstellung von lustig über peinlich bis (un-)vorteilhaft, weshalb ich nicht sagen kann, dass andere die Vorzeigbarkeit eines Fotos genauso bewerten wie ich. Ich versuche aber, einen möglichst strengen Maßstab anzulegen, welche Fotos ich veröffentliche und welche in den Tiefen der Festplatte verschwinden.
Und mir persönlich fällt jetzt keine Situation ein, in der eine Verletzungsszene ästhetisch ein „schönes“ Bild ergeben könnte. Die anfangs geschilderte Hilfe-Menschentraube sieht man auf der zur Kamera gewandten Seite von hinten, auf der anderen Seite sieht man vielleicht ein Gesicht. Dazwischen liegt dann jemand, an dem rumgedoktort wird. Mir fällt kein Grund ein, der jemanden dazu bewegen könnte, solch ein Bild als gelungenes Sportbild zu bezeichnen.

ETHIK
Ob es moralisch gerechtfertigt ist, ein am Boden liegenden Verletzten zu zeigen, darüber kann man sich lange streiten. Persönlich bin ich der Meinung, dass mehr gegen das Zeigen spricht als dafür, schon deshalb, weil sich die Person in einer für sie unvorteilhaften Situation befindet und in dem Moment andere Probleme hat, als sich gegen aufdringliche Paparazzis zu wehren; von der Unmöglichkeit, sich einfach wegzudrehen, ganz zu schweigen.

Bilder von Sportverletzten: Rechtlich und ethisch fragwürdig und ästetisch oft unattraktiv.

Warum mache ich dennoch manchmal Bilder von einer Hilfesituation?

Wer bis hierhin aufmerksam gelesen hat wird gemerkt haben, dass ich bisher allein vom Veröffentlichen bzw. Zeigen der Bilder schrieb. Der entscheidende Punkt ist nämlich: Auch in Zeiten von internetgebundenen Smartphones und Livestreaming für jedermann ist es mir mit meiner Kamera unmöglich, ein gemachtes Bild auch gleichzeitig zu veröffentlichen. Kein halbwegs ambitionierter Hobbyfotograf schießt seine Bilder unmittelbar nach dem Fotomachen ins Internet. Bei mir wird der Zeitraum zwischen Fotografieren und Veröffentlichen der Fotos folgendermaßen gefüllt: Nach Hause fahren, Bild auf den Computer überspielen, erste schnelle Durchsicht. Dann zweite Durchsicht, Löschen und Aussortieren für die spätere Nachbearbeitung. Zweite Durchsicht der aussortierten Bilder. Nachbearbeitung der Bilder. Hochladen der Bilder. Dritte Durchsicht der fertigen Bildergalerie. Auf „Veröffentlichen“ drücken. Es gibt also bis zu 6 Zwischenschritte, die diejenigen Bilder durchlaufen, welche letztendlich im Internet landen (Das sind aktuell genau 5,78% oder grob jedes Zwanzigste meiner Footballbilder). 6 Zwischenschritte, bei denen ich jedes mal die Möglichkeit habe (und nutze), um Bilder auszusortieren, die rechtliche, ästhetische und ethische Alarmglocken klingeln lassen. Und nach über 240 fotografierten Sportveranstaltungen glaube ich, dass mein Kompass für jede dieser drei Problemzonen einigermaßen geeicht ist.

"Doc" Karsten Fischer flickt seit Jahren bei den Berlin Kobra Ladies an der Sideline  kleine und große Wehwehchen zusammen. | 200mm / 1/1600 sec/ f3.2 / ISO 400

„Doc“ Karsten Fischer flickt seit Jahren bei den Berlin Kobra Ladies an der Sideline kleine und große Wehwehchen zusammen. | 200mm / 1/1600 sec/ f3.2 / ISO 400 (Klicken für größere Ansicht)

Sollte ich also unwissentlich doch einmal ein Foto gemacht haben, das nicht ganz sauber ist, dann gibt es genug Pufferzonen, die verhindern, dass diese Bilder das Licht des Internets erblicken. (Falls doch einmal eines durchschlüpft, gibt es hier Abhilfe.) Nur: Warum dann Fotos machen, bei denen ich schon von Anfang an weiß, dass ich sie nicht veröffentlichen werde?
Primär deshalb, weil die Situation nicht ein zweites Mal kommt. Ein gemachtes Bild kann man wie gesagt immer noch löschen oder nicht veröffentlichen. Ein nicht gemachtes Bild existiert nicht.
Dann gibt es Verletzte, denen ich im Nachhinein genau diese Bilder (per Mail) habe zukommen lassen und die sich dafür bedankt haben, weil sie die Situation so aus einer anderen Perspektive gesehen haben. Und sie sich dadurch bei denjenigen bedanken konnten, die sich während der Hilfesituation um sie gekümmert haben. Eine Person hat das Foto sogar nachträglich selbst veröffentlicht und sich bei mir „beschwert“, warum ich das nicht in die Galerie zum Spiel gepackt hatte.
Und auch die HelferInnen freuen sich ab und zu über die Fotos; aus verschiedenen Gründen. Man sieht sie, wie sie sich – alleine oder gemeinsam, oft zusammen mit Betreuern des gegnerischen Teams – um eine verletzte Person kümmern. Sportgedanke at its best. Wenn die Helfer im Bildmittelpunkt stehen und die verletzte Person nicht identifizierbar ist, sehe ich nicht, was am Fotografieren, ja nichtmal am Zeigen einer solchen Szene negativ sein soll.
Schließlich glaube ich, dass ich nach so vielen Jahren Sportfotografie auch durchaus den Kniff raus habe und weiß, wie man ein Blickwinkel zu wählen hat, damit bestimmte Elemente der Szene nicht sichtbar sind. Identifizierbare Nummern oder Gesichter zum Beispiel. So mache ich, wenn es die Situation zulässt, Bilder, auf denen nicht die verletzte Person, sondern nur (bestimmte) Helfer zu sehen sind, von denen ich weiß, dass sie sich über das Bild freuen. Die nachträgliche Beschneidung in der Nachbearbeitung lässt für Korrekturen zusätzlichen Raum.

Zwischen dem Fotomachen und der Veröffentlichung sitzt also in jedem Fall immer noch ein Fotograf und viel Zeit, die Gelegenheit für Korrekturen lässt.
Nicht jedes Mal, wenn man glaubt, gerade fotografiert zu werden, muss man deshalb gleich das Schlimmste vermuten.

Denn warum sollte ich Bilder von Verletzten veröffentlichen?

Football: Berlin Kobra Ladies vs Hamburg Amazons (DBL)

ZUM SPIEL

  • Endstand: 62:07
  • Spielzeitverkürzung auf 2×9 Minuten in der 2. Halbzeit

ZUR FOTOGRAFIE

  • Gemachte Bilder: 1130 Bilder

ZUR BEARBEITUNG

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Football: Berlin Adler vs Braunschweig Lions (GFL)

ZUM SPIEL

  • Endstand: 00:52

ZUR BEARBEITUNG

  • Sortierzeit: 36 Minuten
  • Bearbeitungszeit: 67 Minuten
  • Anzahl: 65 Bilder
  • Bearbeitungssoundtrack: The Handsome Family – Singing Bones / Eminem – The Eminem Show

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Australian Football: Berlin Crocodiles vs Rheinland Lions (AFLG)

ON THE GAME

  • Final Result: Crocodiles 18.12 (120) vs Lions 1.5 (11)

ON EDITING

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Football: Berlin Kobra Ladies vs Mainz Golden Eagles Ladies (DBL)

ZUM SPIEL

  • Endstand: 60:14

ZUR BEARBEITUNG

2016-06-27-kobra_ladies_golden_eagles_088

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